der Wind, der Berg und das Gras

"Sie her!", sagte er zu ihr. "Sieh, was ich getan habe für dich! Ich habe mir das Wissen angeeignet, das du so schätzt. Nun bin ich auch stärker, stark genug um dich vor Gefahren zu schützen. Ich lache viel öfter als früher, ebenso, wie du es dir gewünscht hast. Meine Schwächen, meine Ängste, ich habe sie überwunden. Die Vorlieben, die nicht die deinen waren, ich habe sie hinter mir gelassen. Ich änderte meinen Namen, ich änderte mein Gesicht. Alles habe ich getan, nur für dich."

Sie sah ihn voller Verachtung in den Augen an. "Nicht das ist es, was ich mir wünschte."

"Was dann?"

Sie sah ihn lange an, und beschloss, es ihm ein letztes Mal zu sagen, um ihm, der sie bewunderte, für den sie aber nichts empfand, außer Abscheu, dann für immer den Rücken zu kehren.

"Ich wollte jemanden, der immer schon so war, wie du nun versuchst zu sein. Jemanden, der sich von mir nicht biegen lässt, sich schon gar nicht freiwillig biegt. Sieh, ich suche nach einem Berg, den ich, der Wind, kann toben wie er will, er wird sich nicht in die Knie zwingen lassen. Ich suche nach Stärke an der ich mich messen kann, die ich dann zu meiner werden lassen kann. Ich suche nach einem Fels in der Brandung, der sich von so etwas unbestädigem wie den Wellen niemals bewegen lässt. Ich suche die Ruhe im Sturm, um selbst ruhig zu sein, auch wenn ich tobe. Denn, du musst verstehen, ich bin der Wind, ich bin die Wellen. Ich komme und gehe, ohne etwas dagegen tun zu können, es liegt in meiner Natur. Ich tobe oder schmeichle, manchmal Beides, zur selben Zeit. Ich suche jemanden, den das nicht zerstört."

"Ich kann es sein für dich, der Berg, der Fels, die Ruhe im Sturm."

"Nein," sagte sie, ohne jedes Gefühl in ihre Stimme zu legen, als wäre sie gar kein Mensch, sondern wirklich der Wind. "Du bist wie das Gras. Es biegt sich in die Richtung, aus der der stärkere Wind kommt, stirbt bei zu großer Kälte oder Hitze. Ich würde dich zerstören. Ich denke sogar ", sagte sie, und blickte in noch einmal mit unergründlichen Augen, in denen kein Gefühl zum Ausdruck kam, an, "dass ich das schon getan habe. Ich wollte es nicht. Du dachtest, man kann mit mir um meine Liebe feilschen.

Nun bleibst du zurück, zerschmettert wie du bist, nicht mehr der, der du einmal warst, während ich dazu verdammt bin, weiter zu laufen, ohne zu wissen, ob mein Ziel existiert. Ich muss leiden; du hast dir dein Leid selbst zuzuschreiben."

So ging sie, und er glaubte ihr ihren letzten Satz, denn er war wie das Gras, dachte selbst nicht nach, bog sich nur so, wie es dem Wind beliebte. Der Berg hätte gewusst, dass niemand etwas dafür kann, was die eigene Liebe von einem verlangt.

Doch sie war nur der Wind ; woher hätte sie es wissen sollen?  "

4.7.07 00:28

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Celtic Warrior (10.7.07 22:15)
knauke fräulein.. wirklich knauke. ich wusste doch, dass der visionär recht hatte mit seiner behauptung. hugs'n'cheerio!

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